Die MSC Orchestra hat 13 Passagierdecks.

Italienischer Charme an Bord

Italiener, die genüsslich frühstücken. Reichlich Zeit, Städte zu erkunden. Atemberaubende Ausblicke auf Inseln und eine Zirkusrevue bei Windstärke 9 - Eindrücke von der MSC Orchestra.

Der Boden sackt unter den Füßen weg, kommt wieder entgegen, der Körper schwankt nach links und rechts. Die fein gekleideten Gäste halten ihre Weingläser weit von sich gestreckt - die Gefahr, dass das Getränk über den Rand schwappt und Smoking und Roben verschmutzt, ist gewaltig. Aber das kann die gute Laune der Passagiere am Abend des Dinners mit Kapitän Mario Stiffa auf der MSC Orchestra nicht verderben.

Das Schiff gehört zur Kreuzfahrtgesellschaft MSC Crociere. Bei Windstärke 9 schippert es auf dem Mittelmeer von Tunis nach Mallorca. Weil es draußen stockdunkel ist und nur die Lichter des Schiffes das Meer erhellen, kann man die hohen Wellenberge und die Gischt nur erahnen. Die Crew beruhigt nervöse Passagiere: "Das ist nicht weiter schlimm", sagt ein Steward und schwankt mit dem Tablett im Rhythmus des Seegangs von dannen. Der Aperitif geht auf Kosten des Hauses an diesem Abend, dann ruft das Dinner. Trotz hohem Wellengang - kaum jemand an den fein gedeckten Tischen im Restaurant "Villa Borghese" auf Deck 5 greift nicht zu. Das Menü schmeckt wie seit Beginn der Kreuzfahrt durch das Mittelmeer ausgezeichnet. Der Service ist aufmerksam und freundlich. "Ohnehin ist es besser, etwas zu essen, wenn es draußen stürmt", sagt Arcai, der junge Mann von den Philippinen, der am Tisch bedient. Nur viel zu trinken wäre falsch - die Flüssigkeit schwappt im Magen, dass kann bei diesem Seegang Übelkeit hervorrufen. Guter Tipp, an den sich die Passagiere wohl halten, denn niemand wird grün im Gesicht, statt dessen zieht es sie zur Zirkusrevue in Covent Garder Theatre an der Spitze des Schiffes.

Dort ist der Sturm am heftigsten zu spüren. Die Schiffsnase taucht in die Wellen und wieder hinaus. Wie ein Ritt auf einem Wildpferd. Angesichts dessen ist es mehr als bewundernswert, dass die Pyramiden, Einhandstände und Schwungrad-Einlagen der Akrobaten ohne Patzer funktionieren. Das Programm ist unterhaltend - umrahmt mit Gesang, Tanz und Anna, die den Abend problemlos auf italienisch, englisch, französisch und deutsch moderiert. Das Publikum ist begeistert. Windstärke 9 ist vergessen.

Lockere Atmosphäre

Am nächsten Morgen ist das Meer zwar noch unruhig. Aber auf Mallorca scheint dann doch die Sonne, eine dünnere Jacke reicht. Dabei ist es Ende Oktober, in Deutschland steht der erste Wintereinbruch bevor, und auch unter den Passagieren aus Österreich und der Schweiz herrscht diebische Freude über die noch wärmende Sonne in Genua, Neapel, Palermo, Tunis, Palma de Mallorca, Barcelona und Marseille, wo die MSC Orchestra auf ihrer Tour Station macht.

Landausflüge machen Sinn auf dieser Schiffsreise. Denn die Distanzen werden über Nacht bewältigt, die Orchestra legt meist im Laufe des Morgens an den jeweiligen Häfen an - so haben interessierte Passagiere einen knappen Tag Zeit, sich die Städte auf eigene Faust anzuschauen oder eine der angebotenen Touren mitzumachen. So etwa in Tunis, wo der belesene gut deutsch sprechende Reiseführer durch Karthago, etwa zehn Kilometer von Tunis entfernt, leitet. Der Staat wurde von den Puniern im 8. oder 9. Jahrhundert vor Christus gegründet und befand sich an der wichtigsten phönizischen Handelsroute zwischen der Levante und Gibraltar. Heute sind noch Reste der ehemaligen Prachtbauten zu sehen. Karthago ist seit 1979 Weltkulturerbe und eine touristische Attraktion.

Auf dem Schiff herrscht eine lockere Atmosphäre. Das mag auch daran liegen, dass ungewöhnlich viele Kinder und Jugendliche an Bord sind. Bis 17 Jahren reisen sie kostenlos in der Kabine mit - ein Grund für viele Italiener, nur eine zweitägige Kreuzfahrt zu buchen. Diese Zeit wird ausgiebig genutzt, die Italiener haben keinerlei Berührungsängste: Mit Begeisterung nehmen sie an den Animationsveranstaltungen auf Deck teil - egal, ob Bingo, Aerobic, Geschicklichkeitsspiele. Sogar ein ausgiebiges Frühstück nehmen sie zu sich.

Als das Schiff nach Palermo Kurs nimmt, biegen sich die Tische unter den Platten süßer Nachtische, die typisch sizilianisch sind - die Speisen orientieren sich übrigens stets an den Anlaufhäfen. Spezialitäten wie Cassata (Biskuittorte mit Ricotta und kandierten Früchten), Cannoli (ausgebackene Teigröllchen mit Pistazien und Ricotta gefüllt), Torrone (Konfekt aus Nüssen und Honig), Frutta martorana, so heißt das dekorative aus Marzipan naturgetreu nachgeformte und kolorierte Obst sowie köstliches Mandelgebäck sind liebevoll angerichtet. Und ein überaus charmanter Kellner nötigt den Gast, "sich verführen zu lassen und auch wirklich alles, alles zu versuchen."

Das üppige Essen hat Gelegenheit, sich zu setzen. Entweder bei einer der zahlreichen Tanzveranstaltungen, im Kasino, beim Bridge,bei einem Bummel über das ausgedehnte Deck oder halt im Bett. Die Kabinen sind klein, aber praktisch eingerichtet. Von Deck 6 an sind sie mit Balkonen ausgestattet, eine schöne Möglichkeit, das Meer und den Anblick der atemberaubenden Küsten und Inseln ausgiebig und in der Regel auch bei ruhiger See zu genießen.

16.04.2009
Autor: Ulrike Schleicher Foto: MSC Crociere