Die Hurtigruten führen an Norwegens Küste entlang.

Per Postschiff in die Idylle

Wer die Ruhe sucht, grandiose Landschaften liebt und ansonsten der Meinung ist, dass das Beste für ihn gerade gut genug ist, der sollte Norwegen als Urlaubsziel erwägen. Nicht billig, aber sein Geld wert.

Wer will, der findet natürlich auch in Norwegen Plätze, auf denen es so richtig abgeht. Aber im Regelfall dürfte es sich bei Norwegen-Urlaubern um Menschen handeln, die eher auf der Suche nach Entspannung in angenehmer Umgebung sind. Viele Deutsche verbinden mit einem Aufenthalt in Norwegen Schiffsreisen mit den Hurtigruten. Mit den Multifunktions-Schiffen (Post, Ladung und eben auch Touristen) hat sich die norwegische Gesellschaft in Deutschland ein herausragendes Image erworben: sehr gut, aber auch nicht gerade billig.

Jährlich sind rund 30000 Deutsche an Bord, wenn täglich eines der Schiffe im westnorwegischen Bergen zu seiner zwölftägigen Tour nach Kirkenes im hohen Norden startet. Unterwegs werden 34 Häfen angesteuert, die zum Teil mit geführten Ausflügen näher erkundet werden können. So war es bisher – und so soll es auch für diejenigen, die es so schätzen, bleiben.

Doch jetzt ist für die deutschen Norwegen-Fans auch das möglich, was ihnen bislang verwehrt war: Sie müssen nicht mehr die gesamte Tour Bergen-Kirkenes-Bergen entlang der traumhaften Westküste Norwegens buchen, sie können sich ihre Urlaubsabschnitte selbst zusammenstellen.

Eigenständig auf Entdeckungsreise gehen

Mit diesem Schachzug erhofft sich der Veranstalter auch Touristen anzuziehen, die sich nicht nur fremdbestimmt leiten und sicherlich auch verwöhnen lassen wollen, sondern selbst aktiv genug sind, auf eigene Faust das skandinavische Land zu erkunden.

Möglichkeiten, selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und viel herrliche Natur zu erleben, gibt es in Norwegen in Hülle und Fülle. Was es deutlich weniger gibt – das sind Menschen. Das Land ist zwar etwa so groß wie Deutschland, hat aber nur 4,7 Millionen Einwohner. In besonders verlassenen Gegenden dominiert nur eines – die Natur. Menschen oder gar Geschäfte sind sehr dünn gesät. Und wer als Urlauber dort mit dem eigenen oder einem Mietauto unterwegs ist, sollte nie seinen Tank bis auf den letzten Tropfen leer fahren. Das könnte fatale Folgen haben.

Die Hurtigruten, bislang für reine Schiffsreisen bekannt, machen mit ihren neuen Angeboten den Urlaubern interessante Kombi-Möglichkeiten schmackhaft. Es ist zum Beispiel machbar, nach Bergen zu fliegen, mit einem Schiff einige Stationen an der Küste entlang zu fahren, sich am Aussteigepunkt ein Auto zu mieten und schließlich von Bergen aus wieder die Flugheimreise anzutreten.

Ein paar Tage Schiff sollten schon sein. Es ist einfach traumhaft, in irgendeinem Salon auf den mehrstöckigen Schiffen zu sitzen und nur die Landschaft mit den hübschen, häufig rostrot gestrichenen Häusern an sich vorbeiziehen zu lassen. Entspannende Ruhe. Und eine Fahrt in einen der bekannten Fjorde sollte ebenfalls auf dem Programm stehen. Eine Nacht nach dem Start in Bergen geht es zum Beispiel in den 100 Kilometer langen Gerangerfjord (engste Stelle 400 Meter), den während der Saison kein Kreuzfahrtschiff auslässt. Es ist beeindruckend, wenn links und rechts die Felsen aus dem tiefgrün-türkisen Wasser in die Höhe wachsen. Keine Menschenseele ist an Land zu sehen. Nichts als Natur.

Schauen, entspannen, die Zeit vergessen

Die Schiffe sind kleiner als die üblichen Kreuzfahrer, die zum Beispiel 2000 und mehr Urlauber in der Karibik herumschippern. Auch das Unterhaltungsangebot ist minimal. Keine abendliche Show und auch kein Spielcasino – die Unterhaltung ist die Landschaft – und die ist in den nördlichen Breitengraden wirklich einmalig. Nur schauen, entspannen. Die Zeit vergessen.

Eine der Möglichkeiten ist es, nach zwei Übernachtungen auf dem Schiff in Trondheim – dort den Nidarosdom besichtigen – die schwimmende Herberge zu verlassen. Dem unternehmungslustigen Urlauber bietet sich dann eine breite Palette, wie er und was er im Land erkunden kann.

Für viele Touristen, vor allem im Sommer, ist die ehemalige Bergbaustadt Røros, schon fast an der schwedischen Grenze gelegen, einen Besuch wert. Das Städtchen ist nach der Aufgabe des Bergbaus ein lebendiges Museum geworden.

1977 wurde in Røros der Kupferbergbau nach Jahrhunderten aufgegeben. Aber das Städtchen lebt heute noch von seiner Vergangenheit. Hübsche Holzhäuser stehen auch hier, wobei der Experte allein an der Farbe des Anstrichs erkennt, ob drinnen eher Geld oder Armut daheim waren. Wenn ein Haus ocker angestrichen ist, sieht es nach Schmalhans aus. Diese Farbe wurde aus Fischöl und Grubenschlamm gemischt – die billige Variante. Weiß hingegen ist vornehmer – und deutlich teurer.

Die Landschaft erstrahlt in allen Farben

Røros, das auch schon Drehort für eine Pippi-Langstrumpf-Folge war, ist zu jeder Jahreszeit schön: ob im kalten Winter, dem touristenintensiveren Sommer oder aber im zumeist nur sehr kurzem Herbst, in dem die Landschaft in allen Farben erstrahlt.

Wer mit dem Auto – oder auch bei einer geführten Busreise – unterwegs ist, ist in puncto Übernachtung oder exquisitem Essen in den "Historischen Hotels" gut aufgehoben. In Røros ist es das "Vertshuset", das direkt neben dem Stammhaus in der Stadtmitte neue Zimmer in einer aufgelösten Strickwarenfabrik eingerichtet hat. Sehr großzügig – und das Rentier-Steak am Abend ist erste Klasse.

Im weiteren Verlauf einer Rundreise durch das mittlere Norwegen ist ein Abstecher in den Rondane-Nationalpark empfehlenswert. Wer Glück hat, kann dort auch Rentiere sehen – und vielleicht sogar die urigen Moschusochsen. Diese sind aber mit Vorsicht zu genießen. Deswegen heißt es in einem Prospekt auch, dass die wuchtigen Tiere beim Anblick eines Menschen erst schnauben, dann mit dem Huf kratzen und dann auf Tuchfühlung gehen. Der letzte Satz in der Anweisung zum Verhalten gegenüber den Tieren lautet: Das Moschusrind greift nur zur Selbstverteidigung an. Sie sind also selbst schuld, falls etwas passiert.

In Folldal können sich Besucher mit einem alten Bergwerkszug in die Tiefe der ehemaligen Kupfer- und Zinngrube hinunterfahren lassen und später den Jostedalsbreen, den größten Plateaugletscher Europas, besichtigen. Die Natur spielt überall in Norwegen die Hauptrolle, das gilt auch am gewaltigen Gletscher. Wer übrigens keine Lust oder Kraft zum Laufen hat, wird mit kleinen Wagen beinahe direkt zum Gletscher gefahren. Wer des Laufens mächtig ist, wird aber seinen Ehrgeiz daran setzen, den Anstieg aus eigener Kraft zu bewältigen. Weitere sehenswerte Punkte sind das Stryne-Gebirge, wo auch im Sommer Skifahren möglich ist, und ein Bootsausflug auf dem Naeroyfjord, dem schmalsten in Norwegen, ist ein Muss. Bevor die kleine Rundreise – locker in wenigen Tagen zu schaffen – ihrem Ende entgegengeht, ist eine Übernachtung im historischen "Fleischer-Hotel" in Voss die Gelegenheit, stilvoll den Abschluss einer interessanten Reise einzuläuten. Das Haus hatte eine lange Familientradition – und wird heute von Knut Kettermann geführt, einem Hotelfachmann aus Fischen im Allgäu.

Der Allgäuer weiß Interessantes aus der Hotel-Geschichte zu erzählen. Natürlich fragt er auch, ob der Besucher das Holzgestell neben dem Aufzug im Foyer entdeckt hat. Um was könnte es sich handeln? Es ist der gezimmerte Toilettenstuhl, den Kaiser Wilhelm II. in sein Zimmer gestellt bekam, wenn er zu einem seiner häufigen Besuche in Voss weilte. Damals gab es nur eine Etagentoilette – und die war dem deutschen Kaiser nicht zumutbar.

Heute sind alle Zimmer old-fashioned, aber zugleich modern eingerichtet. Es kommen auch immer noch adlige Gäste. Falls sie aus Norwegen sind, machen sie aber kein Aufhebens. Kettermann erzählt, dass ihm nach einem freien Wochenende einmal berichtet wurde, die norwegische Königin Sonja habe in der Bar mit einer Freundin einen Kaffee getrunken.

"Königs" sind fast normale Leute. Das unterstreicht auch eine Begebenheit aus der Kirche in Røros, in der beim Bau extra eine Königsloge eingerichtet wurde. Doch wo setzte sich König Olav (1903 – 1991) bei seinem ersten Besuch hin? Nicht in die Loge, nein, er wollte unter seinen Landsleuten sitzen. Ganz normal eben.

Norwegen ist in manchem anders als andere Länder. So schließt zum Beispiel auf dem Land kaum jemand sein Auto ab. Selbst die Haustüren sind oft nicht zugesperrt. Es gibt so gut wie keine Kriminalität. Nur einer der Gründe, warum es sich hier vortrefflich Urlaub machen lässt. Kein Wunder, dass es viele "Wiederholungstäter" gibt.

05.06.2008
Autor: Eberhard Grosse Foto: Eberhard Grosse